Medikamente

Medikamentengebrauch – 
der „gesunde“ Umgang mit Medikamenten

Medikamente sind Mittel, die eingesetzt werden, um bestimmte Beschwerden und Krankheiten zu behandeln. 
Der Gebrauch birgt jedoch auch Gefahren, welche als Nebenwirkungen beschrieben werden. Eine Nebenwirkung ist die Abhängigkeit. ÄrztIn und PatientIn müssen abwägen, ob die Nebenwirkungen, die Beschwerden oder das Risiko durch die Krankheit das geringere Übel sind. 

So ist es vielfach ein kalkuliertes Risiko, dass eine Abhängigkeit in Kauf genommen wird, um eine schwere Krankheit zu behandeln. Hierbei ist  eine umsichtige ärztliche Begleitung und Überwachung unbedingt von Nöten. Die Wahl des Medikamentes sowie die Dosis und Dauer der Einnahme sollten verantwortungsbewusst mit der ÄrztIn abgestimmt werden. 
 

Vom Gebrauch zum Missbrauch

Meist wird das (spätere) Suchtmittel während einer ärztlichen Behandlung kennengelernt. So erscheint die Einnahme auch bei selbständiger Fortsetzung „legitimiert“ zu sein. 

Viele Menschen greifen eigenständig zu einem Medikament. Die Medikamente dieser Eigenmedikation sind nicht verschreibungspflichtig und unterliegen meist keiner ärztlichen Kontrolle und Begleitung. 
Die als angenehm und entlastend erlebte Wirkung der verschiedenen Mittel kann zu einer Wiederholung der Anwendung auch über die Beschwerden hinaus führen und somit  zweckentfremdet  werden.

Hier beginnt der Übergang zum Medikamentenmissbrauch. 
Stress, Überlastung, zu hohe Anforderungen und emotionales Ausgebranntsein tragen mit dazu bei, dass einige Menschen sich von Tabletten in der Leistungsfähigkeit und Lebensbewältigung unterstützen  lassen. Ebenso werden Medikamente bei der Überwindung bzw. Vorbeugung von Schmerzen, Schlafstörungen,  Müdigkeit und Angstzuständen genommen. Selbst von schlanken Menschen werden Abführmittel und Appetitzügler eingesetzt, um Gewicht zu verlieren. 

Zu erwähnen sind auch schleimhautabschwellende Nasentropfen, die für viele Menschen zum alltäglichen Gebrauch gehören. Die Nebenwirkungen des Präparats (besonders die Austrocknung der Nasenschleimhaut) führen zu dem Gefühl, die Tropfen immer wieder nehmen zu müssen, damit ein freies Durchatmen möglich ist. 
Auch das eigenmächtige Heraufsetzen der verschriebenen Dosis ist kennzeichnend für einen  Missbrauch von Medikamenten.

Jedoch ist nicht jede Selbstmedikation ein Missbrauch. Selbstmedikation hat auch etwas mit Eigenverantwortlichkeit der PatientInnen zu tun, die durchaus unterstützenswert ist. Goldene Regel ist: Bei andauernden Beschwerden die ÄrztIn aufsuchen und gemeinsam die weitere Behandlung abstimmen. 
 

Medikamentenabhängigkeit– was ist das?

Etwa 6 - 8 % der viel verordneten Arzneimittel besitzen ein Suchtpotential. Jedoch nicht alle Medikamente, welche ein Suchtpotential haben, sind verschreibungspflichtig. So gibt es eine Vielfalt an Schmerzmitteln mit den Wirkstoffen Kodein und Koffein, die aufgrund ihrer aufputschenden Wirkung zu einer Abhängigkeit führen können.

Der Übergang vom Missbrauch zur Medikamentenabhängigkeit ist  fließend und nicht immer eindeutig vom Missbrauch zu trennen. Die Abhängigkeit ist gekennzeichnet  durch eine psychische bzw. physische Abhängigkeit von einer oder mehreren Substanzen. 

Die physische Abhängigkeit führt zu einer steten Steigerung der Dosis, um eine gleichbleibende Wirkung zu erhalten. Diese körperliche Toleranzentwicklung ist ein klares Zeichen für eine physische Abhängigkeit.

Eine psychische Abhängigkeit kann auch von Mitteln ohne Suchtpotential ausgelöst werden. So kann z.B. die Einnahme von Schmerzmitteln mit nur einem Wirkstoff (ohne die potentiellen suchtfördernden Stoffe Kodein und Koffein) als so angenehm erlebt werden, dass diese Medikamente schon „vorsorglich“ eingenommen werden,  weil „gleich wieder der Stau auf der Autobahn ist, wo ich so oft Kopfschmerzen bekomme“. 
 

Es werden die Hoch - Dosis - Abhängigkeit (stetig steigende Tablettenmenge) und die Niedrig - Dosis - Abhängigkeit (kontinuierliche Einnahme von ca. 1 - 2 Tabletten am Tag) unterschieden. 
 

Folgen der Medikamentenabhängigkeit

Die negativen Folgen bei einer Medikamentenabhängigkeit sind vielfältig. Die giftstoffabbauenden Organe wie Leber und Niere werden  überlastet. Sie können ebenso wie Magen, Darm, Haut und Schleimhäute geschädigt werden. Durch die beruhigende Wirkung einiger Medikamente steigt die Unfallgefahr im Straßenverkehr oder bei der Bedienung von Maschinen. 

Starke gesellschaftliche Auffälligkeiten sind jedoch eher die Ausnahme, da die betroffenen Personen im Alltag meist „gut funktionieren“ . 
Eine Abhängigkeit ist durch die unauffällige und rasche Einnahme der einzelnen Mittel meist schwer zu erkennen. Es entstehen keine 
„Fahne“ oder sonstige Auffälligkeiten wie beim Alkoholmissbrauch  und bleibt  daher oft lange ohne Behandlung. In manchen Fällen ist die Tageseinnahme von Beruhigungsmitteln so hoch, dass ein dauerhafter Dämmerzustand und somit eine geistige Abwesenheit ausgelöst werden.

Medikamente werden oft  in Verbindung mit Alkohol eingesetzt. Diese Doppelabhängigkeit erhöht die negativen Folgen erheblich. So ist die gemeinsame Einnahme von Psychopharmaka und Alkohol äußerst gefährlich und in ihrer Wechselwirkung nicht mehr einzuschätzen.
 

Medikamentenabhängigkeit – 
Zahlen und Fakten

* Von einer Medikamentenabhängigkeit sind etwa 800 000 Menschen in Deutschland betroffen. Hierbei handelt es sich hauptsächlich (2/3) um Frauen ab dem 40. Lebensjahr.
* 40% der Medikamente (= 800 000 Tagesdosierungen) werden  nicht aufgrund akut medizinischer Probleme sondern langfristig zur „Suchtunterhaltung“ eingenommen. Sie sind alle rezeptpflichtig.
* 75% der konsumierten Schmerzmittel werden ohne Rezept verkauft.
* 970 Mill. DM hat die pharmazeutische Industrie 1994 für  Werbung ausgegeben.
* In einer Umfrage wurden 2700 SchülerInnen zwischen 12 und 17 Jahren nach ihrem Medikamentenkonsum befragt. Davon nahmen 32% mindestens 1x/Woche Medikamente gegen den Schulstress und die Leistungs-überforderung – meist von den Eltern verabreicht – ein. 

(Quellen: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (Hrsg.): Jahrbuch Sucht 2000, Neuland-Verlag und  DHS (Hrsg.) Medikamentenabhängigkeit, Lambertusverlag, 1992)
 

Gegen alles ist ein Kraut gewachsen...

Kennen auch Sie den schnellen Griff zur Tablette, um sich wieder ins seelische Gleichgewicht zu bringen ?
                                               . . . . . . . . . .
Schalten auch Sie, Dank eines Medikamentes, den Schmerz einfach ab?
                                               . . . . . . . . . .
Brauchen auch Sie Wachmacher, um den Alltag zu bewältigen ?
                                               . . . . . . . . . .
Können auch Sie nur mit Schlaftabletten einschlafen ? 
                                               . . . . . . . . . . 
Helfen auch Ihnen Beruhigungsmittel in Stress-Situationen ?
                                               . . . . . . . . . . 
Glauben auch Sie, dass Sie mit Hilfe eines Aufputschmittels auf andere Menschen besser wirken ?
                                               . . . . . . . . . .
Helfen auch Ihnen Schlankmacher, Appetitzügler und Abführmittel, Ihre Figur zu bewahren ?
                                                . . . . . . . . . .
Gehen auch Sie nicht ohne “Ihr“ Medikament aus dem Haus ?
                                                . . . . . . . . . . 
Dürfen auch Ihre Familie, Freunde und Kollegen nichts von den Tabletten
wissen ?

. . . . . . . . . .
Merken auch Sie, dass es  immer mehr wird - 
und Ihnen bald zuviel? 
 

Falls Sie einige oder alle dieser Fragen mit „ja“ beantwortet haben und etwas ändern möchten, können Sie bei den folgenden Stellen  Hilfe finden. 
 

 
 

Selbsthilfe für Medikamentenabhängige und deren Angehörige

BLAUES KREUZ IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE (BKE)
Bundesverband e.V.
Julius-Vogel-Straße 44
44149 Dortmund
Tel.: 0231 / 586 41 32
Fax: 0231 / 586 41 33
Internet: www.blaues-kreuz.org
E-mail: bke@blaues-kreuz.org

Gesprächskreis des BKE 
für medikamentenabhängige Menschen
Landesverband Nordrhein-Westfalen
Ansprechpartnerin: 
Angelika Koch
Flöttestr. 4
45899 Gelsenkirchen
Tel.: 0209/51 38 14

Guttempler in Deutschland.
Adenauerallee 45
20097 Hamburg
Tel.: 040 / 24 58 80
Fax: 040 / 24 14 30
Internet: www.guttempler.net/de
E-mail: info@guttempler.de

Blaues Kreuz in Deutschland
Bundesgeschäftsstelle
Freiligrathstr. 27
42289 Wuppertal
Tel.: 0202 / 62 00 30
Fax: 0202 / 62 00 381
Internet: www.blaues-kreuz.de
E-mail: bkd@blaues-kreuz.de

Kreuzbund e.V.
Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchtkranke 
und deren Angehörige 
Bundesverband
Münsterstr. 25
59065 Hamm
Tel.: 02381 / 67 27 20
Fax: 02381 / 6 72 72 33
Internet: www.kreuzbund.de
E-mail: info@kreuzbund.de

Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe -
Bundesverband e.V.
Untere Königstraße 86
34117 Kassel
Tel.: 0561 / 78 04 13
Fax: 0561 / 71 12 82
Internet:  www.freundeskreise-sucht.de
E-mail: mail@freundeskreise-sucht.de

Narcotics Anonymous
Selbsthilfe für Drogen und Medikamentenabhängige
Kontakt über Frank
Tel.: 0611 / 52 67 39
 
 
 

Beratungs– und Behandlungsstellen

Weitere Adressen von Selbsthilfegruppen,  Beratungs- und Behandlungsstellen in Ihrer Nähe erfahren Sie bei folgenden Einrichtungen:

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS)
Westenwall 4
59065 Hamm
Tel:: 02381 / 90 150 
Fax: 02381 / 15 331
Internet:  www.dhs.de

Gesamtverband für Suchtkrankenhilfe im Diakonischen Werk der Ev. Kirche in Deutschland (GVS)
Altensteinstraße 51
14195 Berlin
Tel.: 030 / 843 123-55 
Fax: 030 / 830 01-222
Internet:  www.sucht.org

Deutscher Caritasverband e.V.
Referat Besondere Lebenslagen
Karlstraße 40
79104 Freiburg
Tel.: 0761 / 200 369 
Fax: 0761 / 200 350

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 
Postfach 910152
51071 Köln
Tel.: 0221 / 89 20 31 
Internet:  www.bzga.de

donna  klara  e.V.
Frauen Sucht Beratung und Behandlung
Knooper Weg 49
24103 Kiel
Tel.: 0431/6 15 49 
Fax: 0431/66 59 75

„Schwindel-Frei“
Informations- und Beratungsstelle für Frauen
Schönburgstraße 2
12103 Berlin
 
 

Literatur

BURMESTER, Jens (Hrsg.): Schlucken und ducken.
Medikamentenmißbrauch bei Frauen und Kindern. 
Neuland-Verlag 1994, 15,80 DM

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (Hrsg.):
Medikamentenabhängigkeit. Schriftenreihe zum Problem der 
Suchtgefahren, Band 34. Lambertus, Freiburg Breisgau, 1992

ERNST, Andreas / FÜLLER, Ingrid: Schlucken und Schweigen. 
Wie Arzneimittel Frauen zerstören können. 
Kiepenheuer & Wisch, Köln 1998

FAUST, Volker: Psychopharmaka - Arzneimittel mit Wirkung auf 
das Seelenleben. Georg-Thieme-Verlag, Stuttgart 1994

GORDON, Barbara: Ich tanze so schnell ich kann. 
Reinbek 1983

GOTTSCHALDT, Matthias: Alkohol und Medikamente.
Wege aus der Abhängigkeit. 
Georg-Thieme-Verlag, Stuttgart 1997. 29,80 DM

LANGBEIN, Kurt / MARTIN, Hans-Peter / WEISS, Hans: 
Bittere Pillen. Nutzen und Risiken der Arzneimittel. 
Ein kritischer Ratgeber. Kiepenheuer & Wisch, Köln 1992

NETTE, Angelika: Medikamente.
NICOL Verlag, Kassel 1997, 3,- DM

NETTE, Angelika: Medikamentenprobleme in der Arbeitswelt, 
Handbuch für die betriebliche Praxis. Schriftenreihe  IG Metall 1995

POSER, Wolfgang / ROSCHER, Dietrich / POSER, Sigrid:
Ratgeber für Medikamentenabhängige und ihre Angehörigen, 
Lambertus Verlag, Freiburg 1997. 5,20 DM
 
 
 



    Stand  15. August 2005
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